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550 Jahre Kirchturm,

Predigt > Kirchweih

Matthäus 11,28  Christus spricht: Kommt her zu mir, alle,
die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken
.

Epheser 2,

13 Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst Ferne wart, Nahe geworden durch das Blut Christi.
14 Denn er ist unser Friede, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft.
Durch das Opfer seines Leibes hat er abgetan das Gesetz mit seinen Geboten und Satzungen, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache
16 und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst.
17 Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.
18 Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.
19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen,
20 erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist,
21 auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.
22 Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.

Herzlich willkommen, ihr Mühseligen und Beladenen, hier auf dem Straßenfest. Herzlich willkommen auch alle, die hier Lasten getragen haben beim Aufbau, Tische, Bänke, Theken, und die keine Mühe gescheut haben, damit Salat und Getränke bereitstehen. Herzlich willkommen auch jene Glücklichen, die ohne Last und Mühe sich hier nur einfach am frischen Wasser, einem Apfelwein oder einem Bier erquicken wollen. So sind wir hier. So ist gute Gemeinschaft: Ich kann einfach mal erzählen, was mir auf der Seele lastet und jemand anderes hört mir einfach mal zu, trägt die Last mit, „erquicket meine Seele und führet mich auf die rechter Straße, … auch im finsteren Tal fürchte kein Unglück“. Nebenbei merken wir, dass dabei alte Grenzen und Zäune keine Rolle mehr spielen. Hier bist du nicht Christ oder Heide, hier bist du Mensch, nur einfach Mensch, hier darfst du’s sein. Alles andere tritt dahinter zurück. Reicher Deutscher oder verschuldeter Grieche, Katholik oder Protestant, Roter, Grüner oder Schwarzer, kirchennah oder kirchenfern, diese Unterschiede sind in Christus Jesus jetzt prinzipiell aufgehoben. „Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst Ferne wart, Nahe geworden“, verkündet der Epheserbrief.
Welcher Umbruch in diesem „Jetzt aber“ steckt, merken wir, wenn wir sehen was vor dem „Jetzt“ war.
Die alttestamentliche Tora zum Beispiel, das Gesetz – der Epheserbrief spielt darauf an. In Kurzform: die zehn Gebote: Etwa „Du sollst nicht stehlen“. Wer den alttestamentlichen Kontext liest merkt schnell: Das galt nur für den Stammesgenossen – die anderen durfte man bestehlen. Das waren ja die Feinde.
„Du sollst nicht töten“ - es galt nur für den gleicher Religion – die anderen waren ja, mit heutigen Worten, die Ungläubigen, die Gottlosen – für die war sowieso nur die Hölle und dahin durfte man sie befördern.
„Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib,… oder alles was sein ist“ - das war nur an Männer gerichtet. Der Nächste war der männliche Volksgenosse und die Frauen gehörten zum Besitz in einer Reihe mit Knecht, Magd, Rind und Esel.
Das ändert sich in Christus Jesus gründlich.
Sie kennen die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Da entpuppt sich am Ende gerade der Fremde und Ferne, der mit anderer Religion als hilfsbereiter Nächster - und umgekehrt: die Moral der Volksgenossen und Gleichgläubigen, die an dem Überfallenen einfach vorbei gehen, diese Moral wir einem merkwürdig fremd.
„Liebe deine Feinde!“, heißt Jesu Gebot, und die Betonung liegt auf Liebe. Es ist die Macht der Liebe, die Grenzen überwindet, aus Gastarbeitern und Fremdlingen Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen macht und bisweilen aus Feinden sogar Freunde.
Im Blick auf diese Liebe verfliegt dann auch die Furcht vor dem demografischen Wandel und anderen Veränderungen unserer Zeit und im Gegenzug entsteht Gestaltungslust. Wir entdecken: die Welt ist voller Menschen und ihre Zahl wächst immer noch. Auch bei uns im Rhein-Main-Gebiet haben wir weiteren Zuwachs durch Zuwanderung, viele Gäste und Fremdlinge, und die sind mit dem Blickwinkel der Liebe zugleich potenzielle Mitbürger und Hausgenossen.
Wir verschweigen nicht dass sich für uns damit auch neue Herausforderungen ergeben.
Neben wir einmal das Beispiel der jetzt 100jährigen KEWA, unseren Fußballern. Manche Familien sind mit dem Verein schon seit Generationen verbunden. Einige haben ihre Kinder unmittelbar nach der Geburt als Mitglieder angemeldet. Sie tun das, weil die Eltern wissen: In dem Verein geschieht etwas Gutes für Leib und Seele. Genau so wie das jahrhunderte lang auch mit der christlichen Taufe war: Gleich nach der Geburt, weil die Eltern wussten: Das ist ein Segen.
Aber man kann nicht von jedem Fußballer erwarten, dass er sein Kind noch im ersten Lebensjahr bei der KEWA anmeldet. Man kann es schon gar nicht von jenen erwarten, die als Gäste und Fremdlinge hierher kommen.
Und doch sind genau diese und deren Kinder genauso herzlich zu Training und Spielbetrieb willkommen. Sie können erleben, wie gut das ist, in so einem Verein mitzumachen, mitzuspielen, mitzufeiern. Dann sagen die von selbst: „Ich will hier dazu gehören.“ So wächst der ganze Bau und es passiert das Natürlichste der Welt: Der Neubürger entdeckt seine Liebe zum Eingeborenen und umgekehrt genauso und es wird geheiratet. Dabei ist es nebensächlich, ob der Partner evangelisch oder katholisch oder sonst was ist, nur die Fußballleidenschaft, die muss er mittragen, sonst kommt er nicht in die Familie rein – und beim Blasorchester ist das ähnlich: ein bisschen Liebe zur Blasmusik sollte schon da sein, wenn es mit der Ehe was werden soll.
Zur Trauung wird dann gesungen oder gespielt: „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart“. Das ist zentrales christliches Bekenntnis. Viele Brautpaare wünschen sich das: Die Macht der Liebe im Zentrum der Trauung. Bei manchen spielen wir es auch noch zur Beerdigung, weil man mit diesen Bekenntnis Leben und Sterben kann.

Vertrauen in die Macht der Liebe - einer der großen Theologen, ein Kirchenvater des 20. Jahrhundert, Karl Barth hat davon gesprochen, dass solches Vertrauen mehr ist als Religion. Ja, dass Religion häufig zu dem gehört, was Menschen voneinander trennt, was Grenzen zieht und Zäune errichtet – eine zwiespältige Sache also. Christlicher Glaube ist in diesem Sinne aber gar keine Religion. Dietrich Bonhoeffer hat da von einem religionslosen Christentum gesprochen. Die These ist umstritten. Ich rede lieber von christlichem Glauben als Metareligion, der Macht der Liebe, die Nahe und Ferne verbindet. Damit wird den konfessionellen Unterschieden ihr letztert Ernst genommen, die verbissene Feindschaft. Wir können Schmunzeln über die Eigenarten des konfessionell anderen und mit Humor auch die eigenen Schwächen sehen.
Aber das erzähle ich am besten mal in einem Witz.

In der römisch-katholischen Kirche gibt es bekanntlich den Beichtstuhl. Und gibt es nun einen Priester, der hat die Angewohnheit, für jede Sünde einen Kreidestrich zu machen, damit er anschließend das Maß der Buße richtig bemessen kann. Da kommt also ein junger Mann und beichtet dem Priester: „Ich habe Unzucht getrieben.“ – Ein Kreidestrich
„Wann hast du Unzucht getrieben?“
„Am vergangenen Sonntag“. „O, am Tag des Herrn“ - zweiter Kreidestrich.
„Und zu welcher Uhrzeit?“ „Morgens, kurz nach zehn.“
„Das wird ja immer schlimmer - zur Zeit der heiligen Messe“ - dritter Kreidestrich.
„Und wo hast du Unzucht getrieben?“ „Im Pfarrgarten“
„Oh,oh, ganz schlimm – auf heiligem Boden“– vierter Kreidestrich.
„Und mit wem hast du Unzucht getrieben?“
„Mit der Tochter vom evangelischen Pfarrer.“
Der Priester schüttelt den Kopf, wischt alle Kreidestriche wieder weg und murmelt nur: „Dumme Jungenstreiche, dumme Jungensteiche.“

Vielleicht geht es dem Jungen nun aber auch wie ihnen: Die Geschichte hat ihm gefallen, und wir haben darin den Anfang einer guten konfessionsverbindenden Ehe. Gott sei Dank ist das inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Nur katholischer Priester kann der Junge natürlich nicht werden, schon allein wegen dem Heiraten aber sie konnte bis gestern auch noch keine evangelische Pfarrerin werden - wegen dem katholischen Mann.
Gesetze, Gebote und Satzungen, die immer noch altreligiöse Grenzen ziehen und Zäune errichten. Dabei sind sie häufig nur die Moral von gestern, die zweifelhafte Autoritäten zur ewigen Schöpfungsordnung erklären. Wer ihnen zustimmt, gilt dann als kirchennah und die anderen sind in dieser Logik die Kirchenfernen.
Doch Kirche kommt immer noch von Kyrie – zu Deutsch „der Herr“, und wer ihm nahe ist und wer ihm ferne bestimmt immer noch der Herr Jesus selbst. Da lässt er sich von keinem Papst und keinem Bischof hineinreden, sondern seine Rede ist – wir haben es als Wochenspruch aus der Heiligen Schrift gehört: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“

So wünsche ich uns heute mit vereinten Kräften und seinem Geist ein erquickliches Fest für alle.
Sollte am Ende des Tages immer noch irgendjemand sich hier als Fremdling fühlen, der kann ja zur Kerb wiederkommen und spätestens am Kerbmontag ist er Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenosse. Denn zum 550. Jubiläum unseres Kirchturmes - der Kirchweih - hat sich der Herr persönlich angesagt, damit er aus Sündern Heilige mache und aus denen, die mit Gott nicht viel anfangen können, seine Hausgenossen. Dabei geschieht es bisweilen auch, dass zweie sich eins werden, über Jahr und Tag zur Trauung hier erscheinen und ein neuer Mensch entsteht mit Lust und Liebe, aber auch einer Frage.
Wird der neue Mensch nun in der evangelischen oder in der katholischen Kirche getauft, in der Moschee beschnitten, oder auch gar nichts davon, und wo kriegen wir einen Patern her?
Ich will sie mal mit einer anderen Frage beantworten, die mir jemand letzte Woche stellte.
„Was für eine Kirche ist das hier in Wachenbuchen eigentlich, evangelisch oder katholisch?“ Ein Pilger auf dem Jakobsweg fragte so.
Als wir vor dem Turm standen habe ich geantwortet: Also die Ziffern über der Tür „1461“, das sind arabische Zahlen. Damals was ganz modernes. Die haben Muslime nach Europa gebracht. Bis ca. 1530 war die Kirche römisch-katholisch. Von 1530 bis 1595 war sie lutherisch. Von 1595 bis 1818 war sie reformiert. Von 1818 bis 1970 war sie uniert. Von 1970 bis 2004 war sie sonntags um 9.00 katholisch und um 10.00 evangelisch. Seit 2004 machen die Katholiken hier keine Messe mehr. Aber im gleichen Jahr hat mich ein Muslim gefragt ob er hier beten dürfe, und ich habe ihm geantwortet: Dieses ist ein Gotteshaus für alle Menschen. Jeder Mensch, in dem ein bisschen Liebe wohnt, hat hier seinen Platz, denn mit der Liebe ist er ja selbst eine Wohnung Gottes. Jeder kann doch mit seiner Kultur, seiner Herkunft, seinen guten Traditionen und seinen Begabungen einen Stein einfügen in den Bau, in dem Jesus Christus der Eckstein ist.
Und wer es gerne bequem hat, kann uns auch noch einen Stuhl sponsern für den Neubau, oder Licht und Farbe. Ich sage dazu erst einmal „Amen“ – so möge es sein, und Sie können das Weitere nun in den Klingelbeutel tun.

 
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