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die Versammlung aller Gläubigen (2012)

Predigt > Kirchweih

Predigt zur Kirchweih 2012 - Epheser 4,  CA VII -  Die Versammlung aller Gläubigen

Liebe Festgemeinde,

Kirchweih, seit nunmehr 551 Jahren steht der Kirchturm als weithin sichtbares Zeichen für die Gemeinde hier in Wachenbuchen. In allen Veränderungen der Zeiten, in soviel Neuem steht er für das, was Bestand hat. Käme heute jemand nach Wachenbuchen, der vor 500 Jahren gelebt hat, so würde er beim Gang durch die Straßen und Felder sich fragen ob dieses wirklich noch sein Dorf ist, aber beim Blick auf den Kirchturm würde er erkennen: Ja, das ist meine Heimat, hier bin ich zu Hause.
Selbst nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg ist man sehr bald wieder daran gegangen, die Kirche aufzubauen. Aus gutem Grund: Vor ein paar Jahren, nach der Wende erreichte mich der Anruf eines älteren Mannes aus Ostdeutschland. Er begann: „Ich wollte nur mal fragen: Steht der Kirchturm wieder?“
„Ja“, sagte ich,“ er steht.“ Dann erzählte er seine Geschichte. Er war gegen Ende des 2. Weltkrieges Funker auf der Station am Hühnerberg. Dort erlebte er wie am 6. Januar 1945 beim Bombenangriff auf Hanau der Kirchturm in Flammen aufging, wie eine Fackel brannte und dann in sich zusammenstürzte. Er sei nach dem Krieg nicht mehr hier gewesen, erzählte er, aber diese Bilder seinen ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen, so als seinen da aller Glaube, alle Treue, alle Beständigkeit in sich zusammengestürzt.  Nun gegen Ende seines Lebens wollte er die Gewissheit, dass es nicht bei der Zerstörung geblieben ist, dass das Zeichen für die Treue Gottes über die Zeiten hinweg wieder steht. „Ja, er steht wieder,“ das war das reine Evangelium für ihn, mit dem er getrost auch seinem Ende entgegen sehen konnte.
Der Kirchturm steht noch, und auch die Kerb, die Kirchweih gibt es noch.
„Noch“ – da klingt es an, die skeptische Frage: „wie lange noch?“ In manchen Nachbarorten ist die Kirchweih seit Jahren verschwunden. Auch in Wachenbuchen hat bisweilen der eine oder andere gefragt: Wer macht das noch wenn wir es nicht mehr machen? „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“ singen wir im Ritual des Kerbmontags, aber wer steht dafür ein, dass da auch etwas bleibt, in großer Treue über die Zeiten hinweg?
Es ist nicht nur die Kerb, es scheint auch die Kirche selbst heute manchem von Auszehrung bedroht. Vier Wochen lang haben die Glocken am Sonntagmorgen nicht mehr geläutet, weil hier kein Gottesdienst war. Der Pfarrer im Urlaub, und wenn bloß von irgendwoher ein Lektor kommt, dann kommen so wenige, dass es nicht mehr schön ist. Und der Lektor, der sich extra vorbereitet finde es auch nicht schön.
„Noch nicht mal die Kirchenvorsteher sind da“, klagen manche Besucher am Sonntagmorgen. „Früher haben da jeden Sonntag welche sichtbar vorne auf der Bank gesessen, als Vorbild. Es müssen ja heute nicht alle sein, aber so ein oder zwei“, Und ich sage: „Na, ja wenn der regelmäßige Gottesdienstbesuch am Sonntagmorgen Bedingung ist, dann kriegen wir keinen Kirchenvorstand mehr zusammen. Die meisten haben  bei ihrer Kandidatur auch sehr klar gesagt, dass sie gerne bereit sind Verantwortung in der Kirche zu übernehmen, aber nicht zu den regelmäßigen  Sonntagskirchgängern gehören. Ich kann zudem auch bezeugen, wie engagiert die sind und wie viele Aufgaben, die schon übernommen haben, die es früher gar nicht gab.“

Ich könnte auch noch dazusagen: „Wie wäre es denn mit ihnen? Wir haben ja nächstes Jahr Wahl.  Kandidieren sie doch. Einen Lektor oder eine Lektorin aus der Gemeinde könnten wir zudem  auch noch gut gebrauchen.“
Es klingt aber noch etwas anderes an: Nämlich: Ja, schön und gut, dass die so viel machen, aber ist das eigentlich Kirche? Ist das meine Kirche? Ja, was ist eigentlich Kirche, bei so verschiedenen Vorstellungen davon?
Da ist es gut und hilfreich, sich am Tag der Kirchweih auf den Kirchturm zu besinnen. Auf das, was uns weithin sichtbar ausmacht und zugleich auf festem Grund gebaut ist. Die Bekenntnisgrundlage, auf der die Kirche steht..
Zum Reichstag in Augsburg 1530 ist diese für die evangelische Kirche entstanden., als Versuch zur Einigkeit zu kommen.
„Es geht alles vorüber es geht alles vorbei“ – und was bleibt in den Veränderungen? Der Artikel I antwortet genauso wie das Lied das zum Ritual des Kerbmontags gehört. „Zwei, die sich lieben, die bleiben sich treu“. Der Vater ist mit dem Sohn im heiligen Geist der Liebe verbunden für immer und ewig. Also: hier einer und da einer und dazwischen als drittes der Geist, der die  verbindet. Das ist das Wesen des dreieinigen Gottes

In Artikel IIV des Augsburger Bekenntnisses: geht es dann um die  Kirche im speziellen. Ich lese uns das als Predigttext.

CA VII: Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden, wie Paulus sagt: "Ein Leib und ein Geist, wie ihr berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe" (Eph 4,4-5),

Buchstabieren wir das ruhig  durch. Versammlung aller Gläubigen. Da kommen Menschen zusammen, die ein Grundvertrauen haben zu Gott, zueinander, zu dieser Welt. Bei denen wird das Evangelium rein gepredigt.
Evangelium – wörtlich:  gute Nachricht. Die gute Nachricht: Deine Lebensgeschichte geht gut aus. Oder in einfacher Kindersprache: Du kommst in den Himmel.
Wenn ich hier durch die Reihen blicke, so mag das bei manchem unzweifelhaft sein. Bei anderen, die wir auf der Kerb treffen, mag man eher mit Wilhelm Busch denken: „Wehe, wehe wenn ich auf das Ende sehe, ach das war ein schlimmes Ding, wie es Max und Moritz ging.“ Die werden nämlich ricke racke gemahlen und dann von Meister Müllers Federvieh verspeist „und als man dies im Dorf erfuhr, war von Trauer keine Spur.“  
Mancher denkt das gar von sich selber. Mit mir nimmt es ein schlimmes Ende. Doch dem ist nicht so. Wir verkünden hier nicht Max und Moritz sondern Jesus Christus. Wir versuchen mit ihm ein gutes Ende zu finden, auch für manche böse Geschichte. Denn seine, das ist die Geschichte von einem weltlich gesehen völlig gescheiterten Menschen: von seinem Freunden verleugnet und verraten, von seinem Gott verlassen, von seinen Gegner gefangen genommen, gekreuzigt, elend gestorben und zur Hölle gefahren.
Und dennoch schreibt  Markus, der diese Geschichte erzählt, oben drüber „Evangelium, gute Nachricht“, dieses Leben ist gut ausgegangen. So gut, so heilsam, dass nun niemand  mehr Angst haben muss vor einem bösen Ende. Es wird an dieser einen Lebensgeschichte offenbar, dass auch deine Lebensgeschichte ein gutes Ende nimmt. Nicht  weil du so gut bist, aber mit der Kreativität und Phantasie, mit dem Geist der anderen und dem Geist eines ganz anderen, einer unwahrscheinlichen himmlischen Liebe. Die Jünger Jesu erfahren das als Auferstehung von den Toten, als wunderbarer neuer Sinn in einer sonst so sinnlosen Geschichte.
Diesen wunderbaren Sinn, diese Herrlichkeit und Schönheit des Lebens trotz Tod und Teufel zu entdecken kann aber keiner alleine. Da ist die Versammlung all derer wichtig, die an das gute Ende glauben. Dass wir uns darin wechselseitig stärken, ermutigen, miteinander Wege finden zu neuem Lebenssinn, dass so einer zum Ausleger der Geschichte des anderen wird  und ihm erklärt, warum manches genauso kommen musste, was für dich allein nur ein Rätsel ist. Evangelium - deine Geschichte geht gut aus. Wo dies rein  verkündet wird, da ist das evangelische Predigt. Das  kann heute durchaus auch ein entsprechender Film, ein Theaterstück oder eine Fernsehsendung sein.
Einer treuen Kirchenbesucherin sage ich, dass in unserer Gemeinde es auf jeden Fall am Sonntag einen Gottesdienst gibt, wenn nicht in Wachenbuchen dann in Mittelbuchen und  wir stellen auch einen Fahrdienst bereit. „Nein, lassen sie mal“, sagt sie. „Ich schaue mir dann sonntags den Fernsehgottesdienst an. Ob evangelisch oder katholisch, das ist nicht so wichtig, aber es gibt da meistens auch eine gute Predigt. Das geht auch mal für einen oder  zwei Sonntage.“
Nur mitsingen lässt sich halt  nicht so gut und mit den Sakramenten klappt das auch nicht, den leibhaftig spürbaren Zeichen und Mitteln der Liebe. Dazu nämlich ist Realpräsenz, leibhaftige Gegenwart, erforderlich. Bei der Taufe, wenn du berührt wirst von einer segnenden Hand und Wasser, dem Urelement des Lebens.
Beim Abendmahl, weil das gemeinsame Essen und Trinken nicht minder zur Kirche gehört. Da reicht es nicht, nur vor dem Fernseher versammelt zu sein oder mal ins Kino zu gehen. Da muss man schon dahin wo versammelte Gemeinde am Tisch sitzt oder vor dem Tisch des Herrn steht.
Das Heil, die Entlastung von Sorgen, der Trost und die Erquickung, den mancher hier schon an der Theke erfährt, er wird erst recht zum Sakrament, wo wir es im Gedächtnis an Jesus Christus feiern: Der neue Bund, der geschlossen wurde in dunkelsten Nacht als Liebe und Freundschaft verraten ward, der hilft auch in vielen anderen Dunkelheiten.
„Wenn’s Freibier in der Kirche gibt, dann komm ich auch.“, erinnert  gelegentlich ein fröhlicher Zecher auf seine Art an die alte – und in manchen allzu trockenen Gottesdiensten auch vergessene- Wahrheit, dass zur Kirche eben auch das Sakrament des Abendmahles gehört mit freiem Wein und geteiltem Brot.
Sie dürfen das im Übrigen gerne heute mit dem Freibier auch gleich praktizieren: Etwa so, dass einer dem anderen einen ausgibt. Es muss auch nicht nur Bier sein. .
Noch heute lässt sich die Einführung der Reformation in Wachenbuchen in der Kirchenrechnung anhand der gestiegenen Ausgaben  für Wein belegen. Freier Wein für alle, das war mal das Kennzeichen evangelischen Gottesdienstes.
Für die junge christliche Kirche gehörte das Teilen des Brotes unbedingt dazu. Und manches andere  an Rituale kann dann hier so und wo anders ganz anders geschehen.

„Es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden,“ sagt evangelisches Bekenntnis.
Nach der Einführung der Reformation in Hessen gab es einen Schriftwechsel zwischen  Landgraf Philipp und Martin Luther.
Der Landgraf wollte gerne eine neue Gottesdienstordnung für seine Kirchen haben und bat Martin Luther diesbezüglich um Rat. Luther aber lehnte den Entwurf einer einheitlichen Gottesdienstordnung ab, und empfahl erst einmal ein paar Jahre ins Land gehen zu lassen, abzuwarten und dann zu schauen, was sich in den Gemeinden entwickelt hat und in Gebrauch ist. Das sollte dann aufgeschrieben und aus dem allen Gemeinsamen eine Ordnung geformt werden.
Es muss also in Mittelbuchen nicht alles genauso sein wie in Wachenbuchen. Es muss nicht immer am Sonntag um 10,00 sein. Es muss nicht überall das Gleiche geben, aber es kann in aller Verschiedenheit das Gemeinsame entdeckt werden; Der eine Leib, der eine Geist, der gemeinsame Glaube.
Über die Generationen hinweg sind Kult und Kultur in der Kirche anders geworden. Heute haben wir sehr viel mehr Konzerte, in Wachenbuchen auch mehr Theater, die Leute kommen nicht mehr jeden Sonntag zusammen aber dafür 4 mal an Heiligabend, doch es ist immer noch der gleiche unverwechselbare Kirchturm. Und die zwei die sich lieben, die blieben uns treu. Die Trauungen gehören nach vor zu den Höhepunkten in der Kirche. Auch in dieser Woche, „ja da haben wir es mal wieder, ja da ist es soweit“ – nicht nur morgen früh, sondern auch am Samstag um 15.00 Uhr, da wird geheiratet.
Manches an Altvertrauten von Menschen eingesetzten Zeremonien ist brüchig geworden. Es schmerzt durchaus, wenn am Sonntagmorgen die Glocken nicht mehr läuten, aber es ist auch Neues geworden aus gleichem Geist. und wer sagt  eigenlich, dass das was zu Ende gegangen ist für immer zu Ende ist. Als unser Adventcafe ausfiel mangels Beteiligung, da waren Menschen da, die sagten „wir machen das“,  inzwischen füllt es an einem Sonntag die Kirche. Als der dramatische Verein in Wachenbuchen einging, da  war das nicht das Ende vom Dorftheater, sondern zugleich der Freiraum in dem neue Theatergruppen entstehen konnten. Wenn  unsere Männerchöre hier manchmal über ihr Alter stöhnen, so kann ich ihnen keine Hoffnung machen, dass sich das Sterben vermeiden lässt, aber auf die Auferstehung dürfen sie hoffen. Evangelium – die Geschichte geht gut aus. Wir kommen in den Himmel. Vielleicht nicht gleich, vielleicht mit manchen Umwegen, aber für die Gläubigen kann ja auchdie Kerb ja schon mal ein kleiner Vorgeschmack darauf sein.

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